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Über Benjamin Maacks "Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein"



Benjamin Maack traf mich zuerst mit seinen Gedichten. Ich war etwa 12 oder 13, als ich „Du bist es nicht, Coca-Cola ist es“ las, sein Lyrikdebut, das 2004 erschien und ich hing immer dieser einen Strophe hinterher: „Wäre mein Herz ein Fischglas, / sagte er zu mir, / beim ersten Schlag / wären alle Fische / tot.“ Das Gedicht dazu heißt „BUSFAHREN“. 2012 erschien Maacks erster Roman „Monster“, den ich nicht las, weil ich mir Lyrik gewünscht hatte, heute lag „Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein“ in meinem Briefkasten, ein Buch über Depressionen, hatte man mir angekündigt, vielleicht fühlst du dich dann nicht so allein. „Okay.“, sagte ich, ohne irgendetwas anderes zu wissen, weder den Titel noch sonst irgendetwas, aber ich dachte an das Lyrikdebut und dass ich Maacks neuem Roman wirklich eine Chance geben sollte und freute mich sehr. Weil: Lyriker und Schriftsteller, der über Depressionen schreibt, mir doch sehr nah liegt und ich dachte, hey, vielleicht finde ich mich da irgendwie wieder. Und ich mach’s kurz, weil man manche Dinge nicht künstlich in die Länge ziehen sollte: I did. Ich habe „Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein“ eben in einem Rutsch beendet, auch, weil mich schon der Titel gleich abholte. Jeder der irgendwie mit psychischen Erkrankungen zu tun hat, kennt das wahrscheinlich, man denkt immer, geht ja noch, wenn es eigentlich schon gar nicht mehr geht. Dieses Gefühl tritt vor allem dann ein, wenn man sich Hilfe holt. Maack holt sich Hilfe. Er lässt sich nach einem Zusammenbruch einweisen, fährt in die Psychiatrie und „bewirbt sich dort für einen Job als Kranker, als guter Patient.“ Das schreibt er auf Seite 50. Und wow, habe ich gedacht, zum ersten Mal schreibt jemand über das, was ich in meiner Zeit in der psychosomatischen Klinik so sehr gefühlt habe. Und Maack schreibt darüber sehr intensiv. Fast durch dreiviertel des Buches zieht sich seine Angst nicht krank, nicht hilfsbedürftig genug zu sein, sondern einfach nur ein Lügner, ein Arsch, ein Schwächling, der eigentlich ein schönes Leben haben könnte. Als die Erstuntersuchung mit dem Chefarzt nach einer Viertelstunde endet, schreibt Maack: „Nach einer Viertelstunde geht er, das erste Gespräch ist vorbei. Und ich weiß, dass er viel zu tun hat, etliche Termine, Aufnahmen, Entlassungsschreiben, Gespräche. Ich weiß aber auch, dass diese Erstuntersuchungen eigentlich eine halbe Stunde dauern, und frage mich, was ich falsch gemacht habe. Ich frage mich, ob er mich nicht mag.“ Spot on, liebe Leser*innen, denn diese Sätze bereits auf Seite 50 zu lesen, war wie in meinem zweifelnden Kopf 2016 zu sitzen. Das ist so ehrlich, dass mein Herz beim Lesen ganz schnell anfing zu pochen, weil ich dachte, wenn es so weiter geht, dann decken sich Maacks Erfahrungen in einer Klinik mit meinen, dann fühle ich mich auf eine seltsame Art und Weise weniger allein. Und es geht so weiter. Von Sätzen wie „Ich wünschte, ich hätte ein richtiges Problem. Aber irgendwie habe ich ein falsches.“ bis hin zu „Irgendein Arzt wird kommen und mich kopfschüttelnd vor die Tür setzen. Wie hat der sich denn eingeschlichen? Der ist doch gesund wie der Mops im Haferstroh. Wie schaffen die Gesunden das nur immer wieder, sich in unsere schöne Psychiatrie zu lügen und zu betrügen?“, habe ich selten jemanden so ehrlich über seine Gefühle im Hinblick auf Krankheit, Einweisung und sich Hilfe holen schreiben sehen. Immerhin ist Benjamin Maacks Buch ein autobiographisches. Es erzählt von ihm, dem erfolgreichen Schriftsteller, der zum zweiten Mal in fünf Jahren in der Psychiatrie landet, es erzählt von Medikamenten und Nebenwirkungen, Therapien und seiner Familie. Wie deckungsgleich seine Erfahrungen mit meinen eigenen sind, die ich 2018 auf Instagram unter dem Hashtag #beautyfarmstories und #hospitaldiary teilte, war für mich ein beeindruckendes Leseerlebnis. Vom „Ziemlich beste Freunde“-Soundtrack in der Kreativwerkstatt, über das Gefühl in einem Til-Schweiger-Film zu sitzen oder den Fernsehraum für „Team Ninja Warrior“ auf RTL zu besetzen, bis hin zu tausender Puzzlen von Delfinen und Himmeln, deren Szenerie Maack wie folgt in Worte fasst: „Einmal sitzt eine Mitpatientin tagelang allein und löst den Himmel.“ Nicht alles ist traurig und schwer in diesem Buch, wie die Thematik vielleicht glauben lässt. Von der Komik in der Tragik hat damals mein #hospitaldiary gelebt, in seinem Roman hält Maack eben diese auf ähnliche, trockene Weise fest. Kapitel Einundachtzig zum Beispiel, geht so: „Google Maps fragt eine Mitpatientin, ob sie ihre Heimatadresse ändern möchte.“ und in Einhundervierundzwanzig: „Tipp aus einem Buch über die Behandlung von Depressionen. ’Stellen Sie sich vor, dass es anderen schlechter geht.’" So viele Kapitel gibt es, weil die meisten nicht länger als eine Seite lang sind. Dabei bleibt es nicht bei tragikkomischen Klinikanekdoten. Durchzogen von den aktuellen Leveln des Handyspiels Angry Birds, in denen Maack sich gerade befindet, über Facebook-Posts und die Reaktionen, die sie hervorrufen, gibt es außerdem Gedichte, Seiten auf denen sich „fuck" auf „fuck“ aneinanderreihen und lange Dialoge zwischen Mitpatient*innen, Familienmitgliedern und Klinikpersonal. Da treffen kurzweilige Kliniksituationen auf langwierige Gedankenschleifen. Von der Angst nicht krank genug zu sein, über die Selbstmorgedanken, augelöst durch ein neues Medikament, zum Beispiel. Weniger lang, aber dafür umso eindrücklicher schreibt Maack auch von den Gedanken mit diesem Schreiben für immer der Depressive zu sein: „Bin ich jetzt mit diesem Buch da draußen für immer der Depressive?“, heißt es in Kapitel Zweihundertzwölf und im darauffolgenden schreibt Maack: „Vor etlichen Jahren schreibt ein Journalistenkollege einen Artikel über Zwangsstörungen. Er sucht jemanden, der über seine Zwänge spricht. - Kann ich machen, sage ich. Meine Chefin meint, ich könne das auf keinen Fall machen, ich müsse an meine Karriere denken, wenn das da einmal stünde, sei ich für immer der mit den Zwangsstörungen.“ Trotz dieser Ratschläge und Zweifeln hat Maack jetzt ein Buch geschrieben, das sich sehr persönlich mit seiner Erkrankung auseinandersetzt. Er hat öffentlich gemacht, wovor sich viele fürchten und mich mit seinem Buch darin bestärkt, auch für mich diesen Weg weiterzugehen. Maack hat das Buch geschrieben, das ich immer schreiben wollte, bevor ich mich für mein eigenes Lyrikdebut entschied, sogar seine Kopfverletzung, entstanden in der Volleyballtherapie deckt sich mit meiner, entstanden beim Schaukeln mit meinem inneren Kind, auch in seinem Aufenthalt bringen sich bekannte Musiker um und er hört ihre Musik. Ich weiß nicht, was mich bei diesem Buch mehr erstaunt: Die Poesie und Präzision, mit der Benjamin Maack über seinen Psychiatrie-Aufenthalt, aber auch über die Gefühle seiner Frau und seinem fünfjährigen Sohn Theo gegenüber schreibt, die Ehrlichkeit mit der er das tut oder wie sehr ich mich mit meinen Erfahrungen von diesem Buch gesehen fühle. Ein Hint an alle, die auch schon einmal ähnliche Erfahrungen gemacht haben und sich jetzt besser fühlen (denn Maack schreibt unverblümt und ohne Triggerwarnung): Lest dieses Buch. Und alle anderen, die wissen wollen, wie das so ist: Lest dieses Buch auch. Denn obwohl er schreibt: „Als ich wieder gesund bin, will ich Friederike erklären, wie Depressionen sind. Aber Depressionen sind geschickt. Ist man gesund, kann man sich nicht mehr daran erinnern, wie es war, krank zu sein. Und ist man krank, kann man sich nicht vorstellen, je wieder gesund zu sein.“, hat Maack es geschafft festzuhalten, wie es sein kann. Und das trifft mich, wie der Herzschlag eines Fremden, der 2004 folgende Zeilen in seinem Lyrikdebut veröffentlichte: „Wäre mein Herz ein Fischglas, / sagte er zu mir, / beim ersten Schlag / wären alle Fische / tot.“



"Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein" ist bei suhrkamp nova erschienen.


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