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Auf gerader Strecke

CW: Alkoholismus, Co-Abhängigkeit


Am heutigen Valentinstag wird die Liebe rosarot umschrieben. Dabei dürfen wir nicht vergessen: Beziehungen laufen nicht immer so rosarot, wie sie von außen betrachtet vielleicht aussehen. Davon erzählt dieser Text.



Manchmal dachte ich, es muss ja auch ein bisschen schwer sein, wenn es echt sein soll. Anfangs war es sogar ein bisschen leicht. Sie holte mich mit einem billigen Strauß Rosen vom Bahnhof ab. Wir malten unsere Gesichter mit den Fingerspitzen an die beschlagenen Autoscheiben. Wir sangen die düsteren Songs irgendwelcher Berliner Bands am Lagerfeuer. Es kippte nicht, wie das Wasser eines Teiches kippt. Es schlich sich an und dann war es da. Das erste Mal aus dem Bett klingelte sie mich, als sie nachts betrunken von der Polizei aus dem Verkehr gezogen wurde und noch auf der Wache ihren Führerschein abgeben musste. Über 1,5 Promille im Blut zeigte das Messgerät, davon erzählte sie später, fast ein bisschen stolz so noch Auto gefahren zu sein, ohne jemanden mitgenommen zu haben, vom THC-Test sprach sie und weinte ein bisschen, weil, wie sollte sie so jemals ihren Führerschein wieder bekommen und als ich wieder einschlief, träumte ich von einem Auto, das auf gerader Strecke Kurven fuhr. Ich denke manchmal, ich könnte einen Text schreiben, der nur aus meinen Träumen besteht, die ich damals hatte und jeder würde wissen, was vorgefallen ist, ohne, dass ich es ausschrieb. Und, dass ich immer schlafen wollte, das sagte ich später in der Therapie: „Ich wollte einfach nur schlafen.“, sagte ich, „Aber sie ließ mich nicht.“ Ich weiß nicht einmal, wie es angefangen hat. Vielleicht mit dem nicht schlafen lassen. So sehr, dass ich weinte, weil ich müde war, wenn sie mich nachts um drei weckte, sie arbeitete als Journalistin und hatte ihren Artikel fertig geschrieben, bei Kerzenlicht, und jetzt sollte ich drüber lesen, nachts um drei, weil: „Der muss heute noch raus.“ Vielleicht fing es damit an, dass sie nachts um zwei noch neues Bier von der Tanke brauchte und sich nicht alleine über den Friedhof traute und natürlich weckte sie mich und sagte: „Zieh dich bitte an. Ich muss noch zur Tanke.“ In meiner Erinnerung sind ihre Worte harsch. In echt waren sie das vielleicht gar nicht, ich weiß, manchmal feixten wir herum, ich machte Scherze, ich sagte: „Wenn ich jetzt noch mit dir zur Tanke fahre, fütterst du morgen früh aber die Katze.“ und lachte, wohlwissend, die Katze würde in drei Stunden anfangen zu schreien, solange, bis ich ihr Futter gab. Ich sagte: „Aber nur noch ein kleines.“ und sie kaufte drei große, ich bettelte, sie lachte, wir machten einen Scherz. Es war eine seltsame Dynamik. Später lernte ich, es war die Dynamik der Co-Abhängigen. Ich war die, die irgendwann ihre Artikel schrieb, weil sie zu verkatert war, die, die am Wochenende die Flaschen aus dem Spülkasten räumte, aber sich nicht trennte, die, die nicht wollte, dass es irgendwer erfuhr und eigentlich wussten es doch alle, zumindest die Nachbarn, die bei unseren Streits mit dem Besenstiel an die Decke klopften, aber nie hochkamen. Ich war das Auffangbecken für eine alkoholkranke Frau. Damals wusste ich das nicht. Damals dachte ich: „Natürlich hilft man seiner Partnerin, wenn man sie liebt.“ und ich dachte, das sei Hilfe, ab und zu sagen: „Wenn du nicht bald eine Therapie machst, dann verlasse ich dich.“, aber nie zu verlassen. Wir wohnten in getrennten Wohnungen und ich fing an zwei Haushalte zu führen, abends, wenn ich in ihre Wohnung kam den Dreck wegzumachen, ich habe nie so viel gesaugt in meinem Leben, wie zu dieser Zeit. Immer war es dreckig, Katzenhaare, Katzenkot, Wollmäuse, Zigarettenasche, leere Flaschen. Ich hörte auf zur Uni zu gehen, weil ich es nicht schaffte zwei Haushalte zu führen, etwas, das mir manchmal vorkam wie ein Riesenbaby, obwohl ich dieses Wort hasse, zu bemuttern, parallel ihren Job zu machen, damit niemand Wind bekam und meinen eigenen emotionalen Stress irgendwie in den Griff zu bekommen. Wenn ich von diesen zwei Jahren Beziehung spreche, sage ich immer, dass es Terror war. Es war deshalb Terror, weil es Stress war, weil ich nie zur Ruhe kam, weil meine Partnerin ständig meine Hilfe brauchte, weil immer irgendetwas war. Erst die Führerscheinsache, dann ein Sturz, betrunken im Schlaf aus dem zwei Meter Hochbett, die erste Panikattacke nach schlechtem Gras, Wege ins Krankenhaus, Wege zum Supermarkt, Katzenstreu kaufen, nachts zur Tankstelle und wenn nichts dieser Dinge war, dann stritten wir uns. Darüber dass ich bejahte, als sie mich fragte, ob ich denken würde, sie hätte ein Alkohol- und Drogenproblem. Später lernte ich, man sagt nicht „Problem“ man sagt „Sucht“. Ich glaube, ich ging relativ schnell auf dem Zahnfleisch. Aber der Mensch wächst über sich hinaus, wenn er liebt und er wächst mehr über sich hinaus, wenn er co-abhängig ist. Viele meiner Erinnerungen sind nicht vollständig. Oft fühlt es sich beinahe verklärt an, ich denke, so kann es nicht gewesen sein. Ich musste erst lernen, meinen Erinnerungen zu vertrauen. Zu wissen, es war genau so toxisch und gefährlich, wie ich es erinnere. Als ich mich trennte, waren zwei Jahre vergangen. Ich hatte zehn Kilo verloren, war zurück in meine Essstörung gerutscht und während andere mittlerweile ihren Abschluss machten, war ich mit meinen Leistungspunkten immer noch am Anfang. Ich hatte an anderer Stelle geleistet, aber das interessierte an der Uni niemanden. Ich trennte mich, weil ich mich selbst nicht mehr ertrug. Meine Partnerin hätte ich vielleicht sogar noch länger ertragen, aber ich ertrug mich selbst nicht mehr und das war viel schlimmer. Ich selbst legte mittlerweile toxische Verhaltensmuster an den Tag, emotionale Erpressung, große Dramen, Kopf an die Wand, viele Tränen, Lügen - der einzige Umgang mit der Situation, den ich damals wusste. Als ich mich trennte, brach für mich eine Welt zusammen, wie für meine Partnerin. Ich verlor die Person, von der ich abhängig war, sie verlor die Person, die sie schützte. Und kam Wochen darauf zu meinem Wohnhaus, klingelte mich um drei aus dem Schlaf, stand barfuß, weinend und betrunken vor meiner Wohnungstür, so oft, dass ich mich manchmal förmlich vor den Glasfenstern im Flur versteckte, damit sie mich nicht sah. Bis heute, fünf Jahre später, kann ich die Tür nicht öffnen, wenn es zu einer mir unerklärlichen Zeit klingelt. Ich bekomme Herzrasen, wenn der Paketbote vor der Tür steht. Ich verstecke mich im Bett und halte den Atem an, damit er mich nicht hört. Ich wohne weit weg von meiner Ex-Partnerin, ich bin in der Zwischenzeit umgezogen, habe ein anderes Leben begonnen, meine Handynummer gewechselt, noch einmal neu angefangen, nach jahrelanger Therapie und mehreren Versuchen es in meiner alten Heimat zu schaffen. Manche Muster bin ich trotzdem noch nicht losgeworden. Mich im Streit klein zu machen zum Beispiel, um meinem Gegenüber zu entgehen. Häufig saugen, es immer ordentlich haben müssen. Die sein, die keinen Alkohol trinkt. Das ist nichtmal ein Muster, das ist einfach geboren aus einer Erinnerung, immer die sein zu müssen, die noch das Steuer in der Hand hat. Wie oft musste ich meine Partnerin aus dem Graben ziehen, sie zugekokst von der befahrenen Straße holen, sie in den Arm nehmen und ihr den Rausch erklären. Rückblickend ist es dunkel, rückblickend ist alles ein großer Tränenschleier, ein großer Kopfschmerz. Manchmal träume ich davon noch einmal eine erste Beziehung zu haben, eine die gesund und gut zu mir ist. Ich bin mittlerweile seit fünf Jahren allein. Ich bin nicht einsam, aber ich bin allein mit der Angst, dass mir so jemand wieder in die Arme fallen könnte und ich festhalte. An Körperlichkeiten ist überhaupt nicht zu denken. Wenn ich von meinen Träumen erzählen sollte, dann würde ich sagen, ich träume nicht mehr von ihr. Ich träume von einem Auto, das auf gerader Strecke gerade fährt.




Hilfe für Freund*innen und Angehörige, speziell Co-Abhängige, von alkoholkranken Personen findet Ihr zum Beispiel hier: https://www.kenn-dein-limit.de/alkohol/alkoholabhaengigkeit/angehoerige-und-co-abhaengigkeit/

https://www.aktionswoche-alkohol.de/hintergrund-alkohol/angehoerige/

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