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Editor's Letter: "Deutschland, mach deine Hausaufgaben!" Zum Anschlag in Hanau.

“Hass ist nicht einfach da. Er wird gemacht. Auch Gewalt ist nicht einfach da. Sie wird vorbereitet. In welche Richtung sich Hass und Gewalt entladen, gegen wen sie sich richten, welche Schwellen und Hemmnisse vorher abgebaut werden müssen, all das ist nicht zufällig, nicht einfach vorgegeben, sondern das wird kanalisiert.” zitiert Deutschlandfunk Kultur Carolin Emcke aus ihrem Buch “Gegen den Hass” auf Facebook und Instagram. Emcke, die so oft die Worte findet, die uns fehlen, schreibt selbst auf Twitter: “Und schon wird von “Einzeltäter” gesprochen - als ob das schon ausreichend ermittelt sein könnte. Als ob der dogmatische Nährboden (aus rassistischen, frauenfeindlichen, rechtsextremen Ideologien und Verschwörungstheorien) kein Kontext sei. #hanau

In Deutschland morden Nazis. Das ist Realität. #Hanau zieht sich durch unsere Timeline, #Halle ist vier Monate her, der Mord an Walter Lübcke neun Monate. Vor ein paar Tagen fielen in Berlin Schüsse vor dem Tempodrom, wo eine türkische Comedy-Show stattfand. Die Sprache der Medien scheint dabei immer noch nicht in der Lebensrealität von nicht-weißen Personen angekommen zu sein. Da wird von “Tragödie” gesprochen, von “Schießerei” und “”fremden”feindlich”, von “politisch motivierten” Taten. Dabei liegt es auf der Hand: Keine Tragödie, ein Anschlag, ein rassistischer Angriff ist es, wenn Menschen, aufgrund rechten Terrors ermordet werden. Nennen wir die Dinge beim Namen und nennen wir sie bei ihrem richtigen. Es scheint lapidar, an einem Tag wie heute über den Umgang mit Sprache zu debattieren. Aber es ist keine Floskel, wenn wir sagen, dass Sprache Realität schafft. Wenn Carolin Emcke sich ärgert, dass in den Medien von einem “Einzeltäter” gesprochen wird, dann hat sie Recht damit. Denn der dogmatische Nährboden in Deutschland könnte nicht fruchtbarer sein und über einen “Einzeltäter” zu sprechen, genau so wie die Motive als “fremdenfeindlich” zu betiteln verharmlost die Realität. @xanax_attax schreibt auf Instagram: “Das Wort impliziert, dass ein rassifizierter Mensch in dieser Gesellschaft “fremd” ist und seine Fremdheit Schuld an der Tat ist, nicht der Rassismus des Täters (Victim Blaming)”

Wie oft sind wir in den letzten Jahren Zeug*innen von rassistischen Anschlägen geworden? “Gewalt ist nicht einfach da. Sie wird vorbereitet.”, schreibt Emcke - es sind die Strukturen in Deutschland, die zu dieser Gewalt, zu diesem Hass führen. Die AfD erstarkt in den Parlamenten, die FDP schüttelt mit ihnen die Hand. Es ist bekannt, dass rechte Terrornetze in Deutschland existieren. Die Behörden regen sich kaum bis gar nicht, während sich rassistische Anschläge und Übergriffe häufen. Es entlädt sich jetzt die Vorahnung, die sich breit machte, als Komplizen des NSU auf Bewährung freigelassen wurden. Was wir als weiße Personen tun können? An unserer Sprache arbeiten. Nicht-weißen Personen, die sich u.a. aufgrund solcher Strukturen in Deutschland nicht sicher fühlen können, unsere Solidarität aussprechen, nicht nur an Tagen, wie heute. Mit unseren Familien sprechen, nicht nur mit den offensichtlichen AfD-Wähler*innen, sondern auch mit den Konservativen. Es uns nicht auf unseren Privilegien noch bequemer machen, als es eh schon ist. Nicht wegschauen - auch und gerade weil es für weiße Menschen leicht_er ist diese Informationen auszublenden, denn nein, wir sind nicht “alle” gemeint. “Wäre es ein “Angriff auf alle”, würde nicht jedes Mal so schnell zur Tagesordnung übergangen. Dann würde alles dafür getan, alle zu schützen.”, schreibt @frauelein_tessa auf Instagram. Gerade deshalb dürfen wir nicht vergessen, dass es unsere Aufgabe ist, als Teilhabende und Profitierende von einem rassistischen System, dieses zu zersetzen. Das ist unsere Verantwortung, der wir mit unserem Privileg nachkommen müssen. Denn auch das Nicht-Handeln von uns weißen Personen, das weiße Schweigen, führt dazu, dass sich unsere BIPOC Freund*innen nicht safe fühlen. Wir müssen den gelernten internalisierten Rassismus, mit dem wir aufgewachsen sind, aktiv verlernen. That’s on us. Wir wollen nicht in einem Land, in einer Gesellschaft leben, in der unsere muslimischen, jüdischen, migrantischen und BIPOC Freund*innen nicht sicher sind. Dieser Editor's Letter soll kein weißes Schuldgefühl zentrieren. Dieser Anschlag ist kein Wachrütteln an uns weiße, um uns politisch mehr zu engagieren. Dieser Anschlag hat Menschen getötet.

Aminata Touré sagt in ihrem Schlussstatement in der Talkshow von Markus Lanz: “Ich bin der Meinung, dass eine Demokratie sich eben genau daran misst, wie sie mit ihren Minderheiten umgeht.“ Und @tatjana_elisa schreibt auf Instagram: “Heute beginnt im Rheinland auch die Hochsaison des Karnevals. Im Karneval fühlen sich heute wahrscheinlich nur die wohl, die nicht von Rassismus betroffen sind und die diesen Anschlag gleich nach dem lesen der Nachricht wieder wegpacken können. Ich finde: Schlagt das Privileg aus und geht nicht feiern. Versammelt euch zu Demos. Alles andere ist geschmacklos.” - Wir sagen: Deutschland, mach deine Hausaufgaben!

Unsere Gedanken sind heute bei den Ermordeten von Hanau, ihren Angehörigen und Freund*innen, sowie bei allen Menschen, die nicht erst seit der heutigen Tat Angst haben, selbst Ziel des rechten Terrors zu werden.

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