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Was nützt die Liebe auf dem Smartphone?


Schon früh, in der Schule, bescheinigte man mir, dass ich eine blühende Fantasie hätte. Ich glaube, es stand sogar auf meinem ersten Zeugnis. Manchmal im Sportunterricht musste mich meine Lehrerin mehrmals ansprechen, mich mit „Hallo, Erde an Jana!“ aus meinen Tagträumen wecken, wenn ich verloren in der Turnhalle stand. Ich war immer irgendwie gerne wo anders, heute erledigt das das Internet für mich. Instagram, Tinder, you name it. Alles irgendwelche Ablenkungsmechanismen von Verantwortungen und Pflichten im real life, Illusion von Lebensinhalt auf 5,5 Zoll. Wenn ich stundenlang alleine im Bett liege, dabei nur das Handy in der Hand habe und scrolle oder swipe, habe ich das Gefühl, nie wirklich alleine zu sein. Dabei glaube ich, war ich noch nie so einsam wie jetzt.

Seit ich denken kann, war ich in mehr oder weniger romantischen Beziehungen, wenn gerade nichts festes da war, verhedderte ich mich in lockeren Affären oder Freundschaft plus oder hatte Crushes auf Stars. Mit 13 zum Beispiel war ich riesiger Tokio Hotel Fan und fest davon überzeugt, wenn Tom Kaulitz mich kennenlernt, wären wir sofort ein Traumpaar. Seelenverwandte. Diese Spinnerei habe ich mir irgendwie über die Pubertät gerettet und mitgenommen, sodass ich 2013 noch dachte, wenn Casper mich Backstage auf dem Festival trifft, auf dem ich gearbeitet habe und er aufgetreten ist, würden wir uns verlieben. Ich hatte dann eine Platzwunde über dem Auge, der Flirt fiel also aus. Zuletzt fand ich mich drei Stunden lang auf dem Instagram Account von Fynn Kliemann und suchte den Haken. Diese Personen in meinem Kopf haben so wenig mit der Realität zu tun wie rote Gurken.

Wenn ich mich einmal an irgendwas fest sauge, dann kann mich das komplett vereinnahmen, ich bin im Tunnel und obsessed mit diesen Personen. Dummerweise und entgegen all meiner feministischen Überzeugungen handelt es sich dabei oft um Männer. Weil ich 2020 immer noch nicht begriffen habe, dass es wichtigeres gibt, als deren Bestätigung. Also begriffen habe ich das, aber mein Unterbewusstsein hat die Memo nicht bekommen. Das bräuchte aber einen eigenen Text.

Wir schreiben seit einer Woche miteinander, erst über tinder, jetzt über Telegram. Wir schicken uns Fotos von unserem Alltag, bringen uns ins Bett und tauschen Sprachnachrichten. So richtig miteinander gesprochen haben wir aber nicht.

Ich kenne diese Person nicht. Tinder sagt 239 Kilometer entfernt. Cool, Berlin.

Und dann bin ich auf einmal angespannt. Meine Gedanken kreisen um diese Person, ich will sie treffen, will richtig sprechen, will die Mimik mir gegenüber ansehen und bei der ersten Umarmung ihren Geruch wahrnehmen. Mir wird klar, wie viele Kleinigkeiten in einem Kennenlernen eine Rolle spielen, und wie viel davon mein Kopf mit glitzernder Rettungsfolie ausstopft, wenn das Ganze virtuell passiert.

Auf meinen Vorschlag zu einem Treffen folgt Zögern: „Ehrlich gesagt habe ich ein bisschen Angst davor, dass wir uns in echt doch nicht so gut finden wie hier“.

Aber wie kann es sein, dass ich mich einer Person dermaßen nahe fühle, die ich noch nie im Leben face to face getroffen habe?

Ich muss mir eingestehen, dass es sich hierbei, genau wie bei meinen Teenie Idolen, um eine Wolke handelt, die ich mir selbst gebastelt habe, die mit der realen Person aber weniger als gar nichts zu tun hat.

Eine Freundin hat einmal gesagt: „Wenn du dich verliebst, so dass es richtig knallt, und du richtig durchgeschüttelt wirst, dann hat das selten was mit der anderen Person zu tun, sondern viel mehr mit dir selbst und dem, was du auf diese Person projizierst“

Ich wünsche mir, durchgeschüttelt zu werden. Ich will, dass es knallt. If the love doesn’t feel like 90s RnB, I don’t want it. Das ist eine Möglichkeit von Zukunft, eine Spinnerei, eine Hoffnung vielleicht. Etwas, das im vielleicht-wenn-alles-gut-geht-morgen passiert, aber nichts mit dem Hier und Jetzt zu tun hat.

Genau das ist es aber, was uns diese Dating Apps versprechen. Dass es jeden Tag mehrere Möglichkeiten gibt, diese Person zu finden, sich zu verlieben. Und zwar innerhalb von Sekunden. Da ist das erste Match natürlich von vorneherein tierisch aufgeladen. Dabei funktioniert die Realität doch ganz anders.

Ich fühle mich ein bisschen wie Joaquin Phoenix in „Her“ - romantisch, verklärt und ein bisschen creepy. Sind Gefühle weniger echt, wenn sie sich auf ein virtuelles Gegenüber beziehen?

Verbaue ich mir die Möglichkeit einer echten Begegnung, wenn ich mich nur in die Vorstellung einer Person verliebe? Kann die reale Person meiner Vorstellung überhaupt gerecht werden?

Gerade bedient sie da irgendeine Fantasie, ist Projektionsfläche für eine Art von Begehren, das ich selbst nicht ganz benennen kann. Ich weiß fast nichts über die Person, habe sie mir jetzt aber so schön zurecht idealisiert, dass ich da jetzt irgendwie dran festhalte.

Ich glaube, vielleicht kann man sich verlieben gar nicht vornehmen. So eine Sehnsucht kann da sein, aber manche Dinge müssen einfach passieren, ohne, dass man nachhilft. Was nützt die Liebe auf dem Smartphone? Schmetterlingssimulation auf 5,5 Zoll.

Ich sehe auf mein Handy, das Display zeigt Spotify, Snail Mail „Speaking Terms“, keine Nachricht.

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